Neue Luzerner Zeitung, 27 augustus 2002


Nits in der Zwischenbühne Horw

Sympathisch präsentierte Pop-Preziose Holländische Popgrössen im kleinen Klubkonzert: Am Sonntag begeisterten die Nits in der ausverkauften
Horwer Zwischenbühne.
Es war wieder einmal fast wie Weihnachten im August. Es lässt sich angesichts des Nits-Konzerts in
Horw auf eine Sternstunde, wenn nicht der Menschheit, so immerhin des lokalen Konzertwesens
zurückblicken. Schuld war eine gut aufgelegte Kapelle, die an einem einzigen Abend mehr als genügend
Pop-Preziosen zu präsentieren hätte. Was die Nits aber nicht dazu verleitet, einfach die «Heuler» und
«Feger» zu bringen. Immer haben die Nits auch das Leise und Langsame gepflegt. Los gings am Sonntag
zwar mit einem schnellen alten Song, als sie zu sechst zu «Nescio» von 1983 anhoben. Auch schon 18
Jahre jung ist «Vah Hollanda Seni Seni», das nicht politisch aufbereitete Lied über (türkisches)
Fremdsein im Norden. Sympathisch, wie das angekündigte Vorprogramm keines war: Die Nits liessen den
Berner Songwriter Simon Ho(stettler) von Anfang an am Piano mitspielen, um dessen Songs, gesungen von
Henk Hofstede, in lockerer Folge in das reguläre Konzert zu integrieren.
Garderobe-Sorgen in Songform
An Henk Hofstede, dem Mastermind der Band, war es, bei Songansagen bisweilen leicht ausschweifend
Entstehungs- und Hintergrundgeschichten zum Besten zu geben. So war zu vernehmen, dass die Begegnung
mit einer in Quebec Jesus-Fotos verkaufenden und «Heavy»-Musik machenden Nonne Anlass zum 98er-Stück
«Sister Rosa» war. Oder Mutter Hofstedes Dauersorge in des Sohnes Kleiderwahl, was in «Walking With
Maria» seine Songform fand.
Keine E-Gitarre
Das Verschrobene, mit schöner Ironie angereichert, ist ein Charakteristikum der Nits-Songs. Bei «An
Eating House» konnte Hofstede improvisierend reimen, etwa von Emmentaler Löchern und Appenzeller
Fondue, von Rösti, Bratwurst und Vierwaldstättersee. Gebracht wurde überhaupt Bekanntes von früher im
neuen Kleid, in zum Teil frischen Arrangements einer gänzlich auf Elektrogitarre verzichtenden Band.
Durch den aktuellen Zuzug von Sängerin Vera van der Poel ergaben sich einige bisher unerhörte
stimmliche Klangfarben, erst recht, als durch das vokale Mittun von Bassistin Arwen Linnemann und
Keyboarderin Titia van Krieken mehrstimmige Gesangsharmonien möglich wurden. Sparsam und dezent das
meisterliche Schlagzeugspiel von Ur-Nits Rob Kloet, während sich Sänger Hofstede auf die akustische
Gitarre und gelegentliches Piano beschränkte, nicht ohne zwischendurch in die Melodica zu blasen.
Hits wie «J.O.S. Days», «In The Dutch Mountains» oder «Erom Om» rundeten ein Konzertereignis ab, das
erst nach einigen Zugaben zu Ende gehen sollte.
Urs Hangartner

SPIEGEL online

Nits: Wolle, die kratzt
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Die Nits lieben kurze Titel. Nach "Omsk", "Henk", "Hat", "Urk" und
"Ting" folgt jetzt also "Wool". Die holländische Band, die sich mit
einer Ausnahme stets von den Charts fernhielt, hat ein neues Album
herausgebracht - garantiert nicht chart-verdächtig. Zum Glück.

Von Dominik Baur

 

Als er noch klein war, stritt sich Henk Hofstede regelmäßig mit
seiner Mutter. Grund: Das adrette C&A-Outfit, das er tragen musste.
Heute ist Hofstede 48, und die Diskussionen sind die gleichen. Er
kleidet sich schwarz, und Mutter Hofstede protestiert. Wenigstens bei
seinen Fernsehauftritten solle er doch bitte mal Blue Jeans und ein
adrettes Polo-Hemd tragen, wie sich das gehört - am besten von C&A.
Schwamm drüber, Song drüber. Der Mutter-Sohn-Streit wird ein
liedfüllendes Thema. "Walking with Maria" heißt das Ergebnis und ist
auf "Wool", dem jüngsten Album der Nits, zu hören.

Henk Hofstede ist der Kopf der "Nits". "Nit" ist englisch und
bedeutet "Nisse", was wiederum deutsch ist und bekanntlich "Läuseei"
bedeutet. Seit über einem Vierteljahrhundert tingeln die Läuseeier
aus Holland durch die europäischen Lande, unterhalten als
immerwährender Geheimtipp ihre kleine, aber treue Fanschar mit einem
äußerst eigenwilligen Mix aus britischem Sechziger-Pop, E-Musik und
New Wave, lassen sich in keine Schublade sperren, verschließen sich
jedem Trend, und nehmen ihn doch - meist ironisierend - auf und dann
auf die Schippe. Nur einmal ist ihnen ein Ausrutscher passiert: 1987
landeten sie mit "In the Dutch Mountains" in den Charts und wurden
international bekannt.

Ganz in dem eigenen, ständig dem Wandel unterworfenen Trend der
Gruppe liegt auch "Wool". Vor drei Jahren galt die Band bereits als
tot. Robert Jan Stips, der fast von Anfang an dabei war und die Nits
prägte wie sonst nur Henk Hofstede, verließ die Band. Doch der harte
Kern - Henk Hofstede und Drummer Rob Kloet - gab nicht auf. Verstärkt
von Bassistin Arwen Linnemann und Keyboarderin Laetitia van Krieken
brachten sie "Alankomaat" (1998) und "Wool" heraus. Der Sound hat
sich nach Stips' Weggang jedoch stark verändert. Die Musik hat etwas
weniger Fülle, etwas weniger Gitarre und etwas mehr Synthesizer.

Sie tröpfelt auf den Zuhörer herab wie Schnee, Regen oder Blätter -
stilistische Requisiten, die Songwriter Hofstede in fast jedem
zweiten Song fallen lässt. Ruhig ist die Musik und etwas schräg, wie
man es von den niederländischen Eigenbrötlern gewohnt ist.
Schwermütig und doch leicht, wenn auch vielleicht nicht für jeden
mainstream-geeichten Gehörgang leicht verdaulich. Mal lässt sie einen
vollkommen versinken wie im Flugzeugsitz "26 A (Clouds In The Sky)"
oder einer traurigen, von orientalischen Klängen untermalten
Amsterdamer Mafia-Ballade ("Crime and Punishment"), mal einfach auf
der Woge des woll-weichen, meist jedoch kratzigen Nits-Sounds
dahintreiben. "WOOL is warm, WOOL is comfort, WOOL is wonderful!"
wirbt die Plattenfirma. Jedenfalls ist "Wool" hörenswert. Am besten
sollte man das Album in der Nacht hören, empfiehlt Hofstede und hat
Recht.

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Badische Zeitung, Fr. 17.02.01

Hollands hohe Berge

- die "Nits" im Jazzhaus

Da steht er nun und weiß nicht wohin mit der Freude über den Enthusiasmus, den das Publikum im gut gefüllten Freiburger Jazzhaus seiner Band, den Nits, entgegen bringt. Henk Hofstede zeigt sein schönstes Hamsterlächeln. Der Sänger zupft sich an der Nase, fährt sich über die Haare, greift zum Sprudel - und grinst wieder von einem Ohrläppchen zum anderen. Linkisch und stolz zugleich. So was - nach all den Jahren ... 14 Jahre ist es her, dass der kunstsinnige intellektuellen-Pop der Nits die Feuilletons verließ, um der holländichen Band ihre Viertelstunde Ruhm zu bescheren. "In the Dutch Mountains" hieß 1987 der einzige kommerzielle Erfolg der Nits - mehr ein Versehen, denn in die damaligen Hitparaden- landschaft passte der Song gar nicht. Und doch ist er bis heute charakteristisch für die Nits geblieben. Für den skurilen Humor - welche Berge bitteschön?! - und die Lust daran, Geschichten zu erzählen.

Daran hat sich auch beim aktuellen Album "Wool" nichts geändert. Wohl aber an der Musik. Luftiger, leichter, ruhiger, noch ein wenig melancholischer als sowieso schon sind die Songs geworden., mit denen die Nits auch das Konzert eröffnen. Arwen Linnemann zupft den Kontrabass, Laetitia van Kriekens Keyboard hält die molltöneneden Streicher und Sounds vor, der ausgezeichnete Rob Kloet - neben Hofstede das einzige Urmitglied - gibt eine Demonstration im effektvollen Leisespielen. Schüttelt eine winzige Rassel und schafft so mehr Atmosphäre als manche Drummer mit einem ganzen Musikalienhandel. Ruhepuls Schlagwerk in der Ära der Beats? Im Jazzhaus gehen die Uhren heute rückwärts. Hofstedebleckt die Zähne, beugt sich rundrückig wie Schröder von den "Peanuts" über die Tasten und überlässt das Mikro erst einmal der schwarzen Co-Sängerin Leona Philippo. Die Nits haben ja auch Soul - die Stimmung steigt. Szenenapplaus. Aber erst die nächste Nummer - "Sketches of Spain" von '83 - zaubert nostalgisches Lächeln in die Gesichter der stark vertretenen 1960er-Jahrgänge. Und nach der fünften Zugabe leuchtet es dort immer noch. Ach war das schön. Ach wie die Zeit vergeht.

Peter Disch,


Main-Echo, 19.02.01

Ungewöhnliche Mixtur
»The Nits«: Melancholischer Pop im Colos-Saal

Aschaffenburg. Bereits seit mehr als zwanzig Jahren beweisen die Nits, dass Holland mehr zu bieten hat als Gouda und Tulpen. Ihre Musik lässt sich nicht einfach einer Schublade zuordnen, zu komplex und vielseitig erscheinen die Lieder der vier Niederländer, die mit »Wool« vor kurzem ihren 18. Tonträger veröffentlicht haben. Wie die Vorgängeralben fand auch »Wool« bei den Kritikern höchste Beachtung, und teilweise wird das Songwriterteam Hofstede/Kloet sogar mit dem legendären Gespann Lennon/ McCartney verglichen.

Ihre Musik ist ebenso zeitlos wie gewöhnungsbedürftig. Sie ist durchsetzt von Überraschungen und Widersprüchen und lebt von ihrer Atmosphäre. Davon konnte sich am Mittwoch auch das fachkundige Publikum im Colos-Saal überzeugen.

Einen Oberbegriff für die Kompositionen der Nits zu finden, gestaltet sich als äußerst schwierig, im Endeffekt würde es jedoch auf Pop hinauslaufen. Die Vielseitigkeit zeigte sich jedoch anhand der zahlreichen Einflüsse anderer Musikrichtungen, die immer wieder in den Songs auftauchten. Die Nits spielten fast immer das Unerwartete, setzten sich über Trends hinweg und banden Jazz, Country, Rock oder sogar orientalische Folklore in ihre Stücke ein. Die Instrumentalisierung schwankte stets zwischen Minimalismus und Bombast und widersetzte sich größtenteils den konventionellen Hörgewohnheiten.

Fast immer wurden die Lieder durch Tempowechsel und Stiländerungen unterbrochen und endeten meist ganz anders als sie ursprünglich begonnen hatten. Das Wort »Zeitgeist« existiert für die Holländer nicht, denn sie scheinen die Gesetze der Musik außer Kraft zu setzen. Manche Stücke verdientenjedoch durchaus das Prädikat »Ohrwurm«. Beeindruckend war die Genialität der Protagonisten auf der Bühne allemal, insbesondere der Schlagzeuger war grandios.

Seit Jahren kommen die treuen Fans zu den Konzerten der Nits und reisen ihnen teilweise sogar nach. Die Stimmung war gut, jedoch nicht überkochend. Es war ein Kennerpublikum, das den Weg in den Colos-Saal gefunden hatte. Das Publikum war hier um zuzuhören und den witzigen Anmoderationen des Sängers zu lauschen. Nachdem der Applaus des vorangegangenen Stücks verklungen war, herrschte von einer Sekunde auf die andere absolute, fast magische Stille. Meist nutzten die Nits diese Momente der Besinnlichkeit für neuerliche Überraschungseffekte.

Es war ein interessanter Auftritt, die Musik der Nits erschließt sich jedoch nicht beim erstmaligen Hören. Ein Vergleich mit Lennon/McCartney scheint dennoch übertrieben, da sich die Musik der Beatles vor allem durch ihre Einfachheit auszeichnete. Die Musik der Niederländer wirkt verschlossener und komplizierter, ist aber in sich kompakt. Eine bedeutsame Schwere und Melancholie zog sich wie ein roter Faden durch das Programm. Die Nits haben mit dem alltäglichen Musikkonsum nicht viel gemein * ein Grund mehr für ihre Einzigartigkeit. Michael Jäger


Neue Osnabrücker Zeitung

Nits im Haus der Jugend
Dezent gestrichener Kontrabass, pointierte Rhythmen vom Schlagzeug, wohldosiertes Klavier, ab und zu E-Geigen-Einsatz oder aparte Flötentöne: Wer beim Konzert der Nits gediegene, ja edle Popmusik erwartet, wie sie auf deren letzten Album "Wool" zu hören ist, wird nicht enttäuscht. Beim Gastspiel, das die Osnabrücker Lagerhalle in Kooperation mit dem Haus der Jugend dort veranstaltete, ist die Überraschung um so größer, als sich dieses erlesene, niederländische Quartett immer mehr lockert, es die Stimmungen von anspruchsvoll-melancholisch zu heiter-verspielt changieren lässt und schließlich gar eine übermütige Rock´n´Roll-Parodie intoniert.
Zunächst jedoch Songs wie "Ivory Boy" - inspiriert von einem kleinen, krebskranken Jungen, der die Nits in ihrem Studio besuchen durfte. "Eure Musik hält meine Sinne wach", habe der Junge gesagt. Vor seinem Tod war er noch zu drei Nits-Konzerten gefahren. Erfüllung eines Lebenswunsches. Der Song: melodiereich verpackte Verquickung von Tragik und Hoffnung.
Sorgen die von Sänger Henk Hofstede eindringlich interpretierten Songs nicht schon für Gänsehäute, so schafft das spätestens die zur Verstärkung mitgebrachte Backgroundsängerin Leona Phillipo. "26A (Clouds In The Sky)" heißt das hinreissende Liebeslied, in dessen Mittelteil Leona so bewegt singt, dass einem vibrierende Schauer den Rücken hinunter laufen. Grandios.
Dann erinnert Henk an einen frühen Kinks-Song. Bei ihm wird "Demon Alcohol" zum "Angel Of Happy Hour". Hier spürt der Zuschauer: Dieser Holländer hat irgendwie den Schalk im Nacken. Die Ernsthaftigkeit legt er nach und nach ab und die Band scheut sich nicht, so flockige Popper wie "Robinson" hinzulegen. Sogar ihren Hit "In The Dutch Mountains" interpretieren sie. Und es ist erstaunlich: Wie viele hundert Male muss die Band diesen Titel wohl schon spielen? Trotzdem vermitteln Henk, Drummer Rob Kloet, Bassistin Arwen Linnemann und Keyboarderin Laetitia van Krieken mit jeder Note, die sie spielen, den Spaß, denn sie dabei haben.
Gipfel des Sarkasmus, inklusive passender animierter Bilder auf der Leinwand im Rücken der Musiker, der Titel "Eating House", bei dem es um Bockwurst und Sushi geht: "I´m an eating house, but I´m still hungry" skandiert Henk. "Jetzt hab ich das Konzert gesehen, und bin auch noch hungrig", mögen viele Konzertgänger schließlich denken - nach mehr Musik von den Nits. Daher belagern sie nach der letzten Zugabe "Nightowl", in der Henk noch einmal seine ganze Seele in seine Stimme legt, den Merchandising-Stand und decken sich mit alten und neuen Tonträgern der Nits ein, um zu Hause Nachschlag zu nehmen.

Tom Bullmann


Frankfurter Presse / Rhein-Main-Net

The Nits
Respekt! Seit mehr als zwanzig Jahren machen The Nits wunderschöne Platten, spielen tolle Konzerte und bestechen durch Charme, Witz und leise
Entertainment-Qualitäten. Ihr früher, liebevoll ironischer Hit »In The Dutch Mountains« war für unsere Nachbarn Fluch und Segen zugleich. Reduziert auf diese musikalische Visitenkarte unterblieb zumindest außerhalb der Niederlande eine intensive, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem äußerst facettenreichen Singer/Songwriter-Folk-Pop von Henk Hofstede & Co. Aber er gab ihnen auch die Souveränität, einmal dem Versuch der kalkulierten Doublette widerstanden alles auszureizen spielen minimalistischer, akustischer bis zu sinfonischer Performance. »Wool« heißt das neue Album mit Liedern über Wind, Regen, Wolken am Himmel, Schwimmen gehen, Frösche und einen Happy-Hour-Engel. Scheinbar Triviales, das aber aus der poetischen Feder Hofstedes zum Besonderen wird. Und die Musik dazu
hat diesmal einen besonderen Fluss, Bewegungsablauf, »wie Laub, das im Herbst vom Baum fällt«, wie Nits'' finnischer Fan Seppo Pietikäinen bemerkte.



review of wool in coop zeitung, schweiz

20 Jahre europäische Popmusik vom feinsten - und doch stets wieder neu: die
Nits aus Holland melden sich mit der CD "Wool" zurück.

Im Verlauf ihrer langen Karriere haben sich die Nits stets weiterentwickelt.
Aus der zackigen New Wave-Band von einst wurde in zwei Jahrzehnten subtiles
Pop-Kammerorchester; einmal experimentieren sie wild mit verschiedenen
Formen, dann schreiben sie konventionelle Mitsing-Hits. Selbst als die vier
eigenwilligen MusikerInnen 1987 mit "In the dutch mountains" europaweiten
Erfolg hatten, blieben sie stilistisch nicht stehen - wie ihre grossen
Vorbilder, die Beatles. Diese Hakenschläge werden dazu beigetragen haben,
dass die holländischen Pop-Juweliere trotz ihres enormen Potentials nie zu
den ganz grossen Bands der Welt geworden sind. Diese absichtliche Wahl hat
den Nits vielleicht weniger Erfolg gebracht, ihnen aber über die Jahrzehnte
hinweg den Ruf einer weltweiten Kult-Band eingetragen - von Japan bis
Kanada, von Finnland bis in die Schweiz. Chefdenker und Sänger Henk
Hofstede: "Als wir den grossen Erfolg hatten, merkten wir, dass uns das gar
nicht gefiel. Ausserdem wäre Stehenzubleiben dumm. Unsere Motivation für das
Musizieren ist es, stets Neues zu entdecken. Nur so ist es möglich, das
Leben mit Humor zu betrachten; in der seriösen Welt des Rock-Business ist
das sonst nicht möglich." Auch mit ihrer neuen, 16. CD "Wool", erweiteren
sie ihre bereits sehr breite stilistische Palette um zusätzliche Farben.
Die neuen Nits
1996 kam der letzte grosse Bruch: der Tastenmagier Robert Jan Stips, der mit
seinen Sounds die Nits massgeblich geprägt hatte, verliess die Band. Vorerst
machten Henk Hofstede und der Drummer Rob Kloet für die CD "Alankomaat" zu
zweit weiter. Hofstede erläutert die beinahe therapeutische Bedeutung dieser
CD: "Wir mussten es uns beweisen, dass wir es auch ohne Robert Jan schaffen,
aber wir wussten auch, dass wir wieder eine Band wollten." Zu den beiden
Gründungsmitgliedern stiessen die Bassistin Arwen Linnemann und die
Keyboarderin Laetitia van Krieken. "Wool" klingt - im Gegensatz zur
verspielten "Alankomaat" - denn auch wie das Werk einer Band - organisch und
gereift.
Diese zwölf neuen Songs sind überwiegend balladesk gehalten. Die Gitarre
wurde zur Seite gestellt, Tasteninstrumente, raffinierte Streicher- und
Bläserarrangements prägen das melancholische Klangbild, das stark mit
Elementen aus dem Jazz und dem Easy Listening in der Tradition Burt
Bacharachs spielt. Henk Hofstede: "Wir wollten einen kleinen, introspektiven
Sound. Wir waren auch nie besonders gut in augenfällig grossen Gesten." Wer
eine neue Auflage der "dutch mountains" ewartet, sieht sich enttäuscht; wer
aber trotzdem hinhört, entdeckt eine Klang-Welt, in der sich Intimität und
Intensität paaren. Henk Hofstede liefert dazu die Gebrauchsanweisung:
"Vielleicht hört man sich diese CD am besten spät in der Nacht an."

Eric Facon


musikexpress/sounds Juni 2000

NITS Wool Connected/Pias

Wenn ich eines Tages auf die Idee verfalle, die Titel aller Nits-Alben in
meinem Lieblingsplatten-Regal nach Mitternacht lauthals der Reihe nach
abzulesen, werden meine Nachbarn denken, ich hätte Besuch von relativ einsilbigen
Außerirdischen: TENT, OMSK, HENK, HAT, URK, HJUVI, TING, DA DA DA, NEST,
ALANKOMAAT - das klingt zweifellos seltsam. Die Musik der Nits liefert aber
keinen Grund für nächtliche Erratizismen und Eskapaden - höchstens Anlass für
noch ein Glas Wein und noch zwanzig, dreißig verträumte, romantische
Gedanken an all das, was im rasenden Alltag keinen Platz hat. Dass die Nits niemand
kennt - ihren Zufallstreffer "In the Dutch Mountains" von 1987 mal
ausgenommen - liegt nicht an den Nits. Oder doch? Wenn man ihnen zuhört, möchte man
meinen, es sei der Band herzlich egal, ob sich irgendjemand für sie
interessiert. Ihre Songs scheinen so zu entstehen wie jene nächtlichen, verträumten,
romantischen Gedanken: Man lässt sich schweben und schon sind sie da. Sich
so schweben zu lassen, ist heutzutage verpönt, weil man gefälligst rackern,
fernsehen und notfalls schlafen soll, damit der Schornstein raucht. Nits
hören grenzt an Arbeitsverweigerung. Vielleicht traut sich deshalb kaum jemand,
die Nits zu hören. Es ist egal: Die fünf Niederländer haben sich im
geheimen Kosmos der Weltfremden und Verträumten, der Seiltänzer und stillen
Zauberkünstler längst einen eigenen, gemütlichen Planeten gesichert, von dem aus
sie uns Wenige immer wieder mit kleinen Wunderwerken aus Naivität,
Experimentierfreude und bescheidener, hinreißender Melancholie überraschen,
schimmernden Perlen im Meer der Beliebigkeit und Vergänglichkeit; Kunstwerken, die das
Leben verlangsamen, die anrühren, entspannen, aufmerksam und sensibel
machen. Sie erzählen von Sehnsucht, Einsamkeit, Trauer, schmerzlichen Erinnerungen
an die Schönheit des Lebens und der Welt: "The Strawberry Girl", "Seven
Green Parrots", "The Wind The Rain"... wieder einmal besteht kein Zweifel: WOOL
ist das schönste Nits-Album. Wie alle anderen. Was? Trends? Hit-Potential?
Mega-Charts? Sofort raus hier! Sonst sehe ich mich gezwungen, lauthals die
Titel aller Nits-Alben in meinem Lieblingsplatten-Regal abzulesen. (msa)
***** (out of ***** = Muss man hören)

Concert ME/S-Tipp NITS


Intro Nr. 75 (Juni 2000)

NITS - WOOL
"Der perfekte Popsong ist ein Song, den man nicht nachsingen kann, der nach
dem Hören sofort wieder aus deinem Kopf verschwindet und sich trotzdem
irgendwo in dir einnistet." (Roisin Murphy von Moloko)
So ist "Wool". Und es ist ein Album, bei dem Zeit eine zentrale Rolle
spielt. Auf der Seite der Nits diese unglaubliche Zeit, die der Musik zur
Entfaltung eingeräumt wird: entspannt wirkt das, jazzy. Und auf Seiten der
Rezeption das Nehmen von Zeit, denn das 18. Werk der Holländer ist insofern
ein typisches Nitsalbum, als daß es nicht Vertrautes wiederkäut, sondern
neue, andere Räume öffnet. Und die wollen erschlossen werden.
Irritationsmomente inklusive. Denn ein - in diesem Fall - "Jazz"-Album war
nicht zu erwarten gewesen.
Konstanten wie Henk Hofstedes warme Stimme, Rob Kloets verhaltenes und doch
vielseitiges Schlagzeug/Percussion-Spiel und dieses ganz spezifische
Verständnis von arty Popmusik bilden den Rahmen für das Neue auf "Wool": z.
B. die ungewohnten female Background-Chöre und die noch viel ungewohntere
"schwarze" Stimme Leona Phillipos, einfach fantastisch! In "(26 A) Clouds
in the Sky" in solchem Harmoniegesang gipfelnd, der scheint nicht mehr von
dieser Welt. Natürlich ist das hart am Kitsch - aber schön.
Nicht wirklich neu, nur anders eingesetzt ist das Instrumentarium: ein
String-Quartett unterstreicht die ruhige Komponente, Bläser verbreiten z.
T. fast amerikanisches Flair, ein Sazonspieler läßt "Crime & Punishment"
arabisch anmuten. Hofstede spielt, wie schon auf "Ting", Keyboard statt
Gitarre. Überhaupt: wenn "Wool" an ein Nits-Album anknüpft, dann von der
Atmosphäre her eben an das kammermusikalische "Ting", von der Produktion
und den Lyrics her dagegen an den Vorgänger "Alankomaat". Nur noch dunkler.
Tod, Verlust, Abschied, dies die zentralen Themen. Und doch wird in der
Gesamtwirkung keine Schwere transportiert, im Gegenteil: das Covermotiv,
eine Feder, ist gut gewählt.
Mich hat schon lange kein Popalbum mehr so berührt. "Wool" ist in sich
homogen, entfaltet sich am besten in one go genossen und wird mit der Zeit
(sic!) immer neue Details offenbaren. Auch ein Grund, warum Nits-Alben so
langlebig sind. Noch eine weitere Dimenosin wird das Material auf Tour
erfahren, denn live haben sich die Nits immer noch selbst übertroffen. Was
in Bezug auf "Wool" allerdings erst noch zu beweisen ist.
KRISTINA ENGEL


coolibri Düsseldorf Juni 2000

Nits WOOL

Immer eine große Freude, ein großes musikalisches Vergnügen, dieser
holländischen Kapelle zuzuhören, die, einmal abgesehen von ihrem Song "In The
Dutch Mountains", niemals auch nur in die Nähe des Starrummels geriet und dies
auch mit WOOL nicht schafft - und auch nicht will. WOOL enhält neue
Nits-Lieder, vornehmlich zurückhaltende, sehr jazzige, spleenige zum Teil,
vertrackte, klassisch angehauchte, chansonartige, mit exotischen Sprenklern versehene.
Keine leichte Kost, für viele unverdaulich, für die, die sich drauf
einlassen, unvergesslich. (PIAS/Connected)
David Wienand


Intensive Intimität
Die Nits im Zürcher Volkshaus

Eigentlich hatte man die Nits, die niederländische Band um den Sänger Henk
Hofstede, bereits abgeschrieben. 1996 verliess mit dem Keyboarder Robert Jan
Stips ein wesentliches Mitglied die Band, das mit seinem barocken Spiel
ihren Sound dominiert hatte. Hofstede und der Drummer Rob Kloet machten
vorerst zu zweit weiter, doch die CD "Alankomaat" und die darauf folgende
Tournee mit zwei neuen Musikerinnen liessen die gewohnte Brillanz etwas
vermissen. Nach 25 Dienstjahren und 16 CDs schien das Ende nah für diese
einzigartige, kontinentaleuropäische Pop-Band.
Doch es kam anders: Mit der kürzlich erschienenen CD "Wool" erfand sich das
Quartett einmal mehr neu. Diese zwölf transparenten Songs sind von
unerwartet jazzigen Stimmungen geprägt, delikate Streicher- und
Bläserarrangements unterstützen die Intimität melancholischer Balladen. -
Die Vorliebe für die kleine Geste steht den Nits gut an. Hofstede beschreibt
in den neuen Songs alltägliche, aber nicht einfache Gefühle, etwa angesichts
des Krebstodes eines jungen Nits-Fans, oder väterliche Verlustängste. Selten
zuvor hat Hofstede derart bewegende Songs geschrieben.
Das kam auch beim Auftritt im gut besuchten Volkshaus zum Tragen. Mit
wiedergewonnener Verve und Charme spielten sich die vier Musiker durch ein
zweistündiges Programm, unterstützt von der hervorragenden schwarzen
Soul-Sängerin Leona Philippo - und bei zwei Stücken vom Shoppers-Gitarristen
Oli Hartung aus Bern. Es waren die Stücke aus "Wool", die besonders
überzeugten: Während alte Schlachtrösser wie "J.O.S. days" kompetent
dargeboten und vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen wiurden, senkte
sich bei neuen Balladen wie "Ivory Boy" oder "26A" eine andächtige Stille
über die mitklatschende Menge. Dass es die Nits gerade mit noch unbekannten
Songs schaffen, an ihren Konzerten eine derartige Atmosphäre zu verbreiten,
zeigt, dass sie heute persönlicher und näher bei sich selbst sind als je
zuvor.

Eric Facon


Tagesanzeiger (CH) on the 10th of June 2000

Schnappschüsse und Kurzgeschichten
Die Nits begeisterten am Donnerstag im Volkshaus nicht nur ihr Stammpublikum, sondern auch dessen Kinder.

Von Thomas Bodmer

So gehts auch: Als das Publikum nach einem Song einfach nicht zu klatschen aufhören will, setzt sich Rob Kloet hinter sein Schlagzeug und setzt an zu einem wilden Solo, dessen rhythmische Vertracktheit die Klatscher bald aus dem Takt bringt und verstummen lässt. Ist dies erreicht, bricht das Solo abrupt ab, und die Band kann "Seven Green Parrots" von der neuen CD "Wool" anstimmen.

Moore und Picasso
Die Nits gibt es seit 26 Jahren, und Mitte der Achtzigerjahre waren sie der Inbegriff einer intelligenten Popband, verarbeiteten Einflüsse der Beatles, Kinks, Talking Heads, von Kraftwerk und XTC. Die vier Gründungsmitglieder waren Amsterdamer Kunststudenten, was man ihren Songs auch anmerkt: "A Touch of Henry Moore" heisst einer der schönsten, von Picasso ist bei ihnen die Rede, von Tintoretto, doch nie wirkt das aufgesetzt oder prätentiös, sondern selbstverständlich, als wichtiger Bestandteil der von ihnen wahrgenommenen Welt.

Nits-Songs sind Schnappschüsse und Kurzgeschichten: "The "Darling" Stone" handelt von einem Grabstein in Helsinki, auf dem nur "Darling" steht; "Jazz Bon Temps" ist einer texanischen Kellnerin gewidmet und "Crime and Punishment" einem holländischen Maler, dem von einer Autobombe die Beine abgerissen wurden.

Die Ansagen des Sängers und Gitarristen Henk Hofstede sind meisterhaft, immer hält er sein Publikum bei der Stange, bezieht es mit ein, macht neugierig auf den nächsten Song. Kloet und Hofstede sind Gründungsmitglieder der Band und die Komponisten aller Songs, und noch immer haben sie sichtlich Spass an ihrer Musik und vermögen einander mit Einfällen zu überraschen. Neu dabei sind die jungen Musikerinnen Arwen Linnemann, die souverän zwischen Kontrabass und Bassgitarre wechselt und mit dem Schlagzeug bestens harmoniert, und Laetitia van Krieken, deren Keyboard-Sounds in "Soul Man" fröhlich blubbern, in "Crime and Punishment" aber zu beängstigendem Sirenengeheul anschwellen. Gastsängerin Leona Philippo bewegt sich anmutig, forciert aber ihre Soul-Sister-Masche und fordert das Publikum allzu oft zum Mitklatschen auf.

Sehr schön hingegen der Gastauftritt des Shoppers-Gitarristen Oli Hartung, der zu zwei Stücken anrührende, einfache, bluesige Soli beiträgt. Mitten in einem dieser Songs erzählt Hofstede von einem Auftritt in Basel, bei dem plötzlich ein Hund auf der Bühne erschienen sei, den er als Inkarnation seines Vaters erkannt habe: "Was machst du hier?" fragte der Hund. "Ich singe", sagte der Sohn. "Das ist gescheiter, als was ich je gemacht habe", knurrte der Hund, und weg war er.

Fest zur Band gehören Paul Telman, der für Sound und Computer zuständig ist, und Lichtregisseur Tom Telman. Die Videoprojektionen sind einfach, aber stimmig, der Sound ist transparent, die Texte sind verständlich, und einmal mehr zeigt Kloet mit seinen Aussparungen und unerwarteten Zwischenschlägen an diesem Abend, dass er zu den interessantesten Schlagzeugern im Pop-Rock-Bereich gehört.

Erst Haarlänge, dann Kleidung
Geschickt mischt die Band neue Songs mit Klassikern, denn bisher macht es nicht den Anschein, als gebe es beim neuen Material Geniestreiche wie "Sketches of Spain" oder "Adieu Sweet Bahnhof". Als Hofstede ankündigt, man wolle jetzt ein altes holländisches Volkslied singen, geht ein erschrecktes Raunen durchs Publikum, das aber hörbar aufatmet, als der Song sich als "In the Dutch Mountains" entpuppt. Mit dreizehn habe er mit seiner Mutter über seine Haarlänge gestritten, mittlerweile sei er 48, und jetzt stritten sie über seine Kleidung, sagt Hofstede als Einleitung zu "Walking with Maria". Im Publikum sind sowohl 48- als auch 13-Jährige zu sehen, und sie lassen die Band erst nach neun Viertelstunden und fünf Zugaben ziehen.


STEREOPLAY juni 2000


TV magazine TR7 Switzerland

Die vier innovativen Holländer überraschen einmal mehr. Der Popsound auf
klassischen Instrumenten schafft eine recht eigenwillige Stimmung - von trist-
melancholisch bis leicht beschwingt. Schade ist nur: Der Ehrgeiz der Band,
immer noch origineller zu werden, geht auf Kosten des Schwungs. Punkto
Elan haben die Nits auf "Wool" ein wenig den Wollfaden verloren. **